In letzter Zeit fällt es mir beim Reiten ziemlich schwer, meine Gefühle zu bändigen und ruhig zu bleiben es kam jetzt schon mehrfach vor, dass ich absteigen musste und dann wie ein kleines Kind getrampelt und geschrien hab, um meinen Frust nicht an Twister auszulassen. Sogar in einer Reitstunde hab ich das gemacht und meine Trainerin hat nur etwas irritiert gelächelt und gemeint, ich solle mal tief durchatmen. Über die Gründe, warum es mir so schlecht geht, mag ich hier nicht schreiben, aber vielleicht habt ihr ja noch Anregungen, wie ich mich selbst in Schach halten kann?! In Süddeutschland gibt es jemanden, der regelmäßig Kurse zum Thema "Emotionslos reiten" anbietet und ich habe auch von ihm schon erfahren, dass er an einem Buch dazu schreibt. Die Veröffentlichung wird allerdings noch etwas dauern. Finde ich sehr schade, dass bei uns so etwas bisher nicht angeboten wird. Daher....her mit den Tipps
Ich finde, das ist ein ganz wichtiges Thema was du hier ansprichst. Vorweg erstmal ganz große Klasse, dass du dann absteigst und Twister gegenüber nicht ungerecht wirst!
Das ist meiner Meinung nach ein Problem, dass viele Leute haben - egal, ob gerade das Pferd oder das Umfeld auslöser für ihre schlechte Laune ist. Ich habe schon so viele Leute gesehen, die ihr Pferd anschreien und sogar volles Pfund mit der Gerte drauf klatschen, weil ihnen gerade irgendeine Nichtigkeit nicht gepasst hat - geht meiner Meinung nach gar nicht!
Beim Judo beginnen und beenden wir jede Einheit mit einem An- bzw- Abgrüßzeremoniell. Das hat nicht nur einen traditionellen Wert, sondern erfüllt den Sinn und Zweck, "emotionslos" das Training zu beginnen. Das läuft wie folgt ab. Der höchst graduierte Schüler spricht "Zazen", so nennt man den meditativen Sitz, den man hier annimmt. Hierbei senken alle, Schüler wie Lehrer, den Kopf und versuchen, an nichts zu denken. Man atmet einfach und versucht alles, was man an alltäglichen Sorgen hat, hinter sich zu lassen. Nach einer kurzen "Meditationsphase" sagt der selbe Schüler "Rei", das ist der Gruß, woraufhin sich Schüler wie Lehrer verbeugen. So beginnt und endet jede Einheit, damit man ohne die Sorgen des Alltags auf die Matte tritt und seinem Trainingspartner nicht schadet, indem man vielleicht seine Wut an ihm auslässt. Nach dem anstrengenden Training kann ich zufrieden von der Matte treten und kann mich meinem Problemen ruhiger und gelassener zuwenden.
Jetzt ist natürlich die Frage, was hat das mit deinem Problem zu tun? Ziemlich viel, wie ich finde. Natürlich sollst du jetzt nicht anfangen, dich vor Twister zu verbeugen und japanische Begriffe von dir zu geben. Aber Judo und alles was dazu gehört wurde nicht nur als Sportart, sondern als Lebensphilosophie entwickelt, zu der ich voll und ganz stehe. Die Quintessenz ist doch, dass man vor dem gemeinsamen Training mit seinem Partner - egal ob Mensch, oder Pferd - seine Sorgen und Probleme beiseite legen sollte, um sich aufeinander einlassen zu können. Wir sollten nicht nachtragend sein, unseren Unmut nicht an unserem Partner auslassen und gelassen in die Übung gehen, genauso, wie wir sie wieder verlassen sollten. Erfahrungsgemäß können wir uns da häufig ein Vorbild an unserem vierbeinigen Partner nehmen.
Jetzt klingt das alles natürlich sehr theoretisch. Natürlich ist dir bewusst, dass du entspannt und unbelastet in die Übung einsteigen solltest. Wie schaffst du das nun? Mein Tipp wäre, denke dir dein eigenes "An- und Abgrüßzeremoniell" aus, eine eigene kleine Tradition für Twister und dich. Nimm dir vor dem Aufsteigen kurz Zeit. Nimm zum Beispiel Twister in den Arm oder lege eine Hand ins Fell, mach einfach eine Geste, mit der du dich wohl fühlst und mit der du dich gut fühlst. Atme durch, schließe vielleicht auch kurz die Augen und denke einen Moment an alles, was dich bedrückt und belastet. Stell dir vor, wie es von dir abfällt. Du willst wie ein weißes Blatt sein, unbeschrieben und bereit dazu, mit und von Twister zu lernen und an euch zu arbeiten - freu dich auf eure gemeinsame Zeit, denke nur daran. Deine Sorgen haben jetzt Auszeit, aber hier und jetzt willst du sie nicht dabei haben. Gehe mit dieser Einstellung in der Training und beende es nach dem Reiten genau so. Jetzt, wo du eine Stunde lang nicht zugelassen hast, dass deine Sorgen dir zu schaffen machen, hast du vielleicht auch einen anderen Blickwinkel darauf und lässt sie vielleicht auch nach dem Reiten nicht so an dich heran.
Mir persönlich hilft dieses klare Trennen sehr. Natürlich eignet man sich eine solche Gelassenheit auf Knopfdruck nicht von heute auf morgen an. Mich macht es aber zufriedener und je häufiger man sein persönliches kleines Ritual abspielt, desto besser wird man darin. Irgendwann klappt das auch im Alltag, mitten im Geschehen - ein kurzes Durchatmen, diesem Problem will ich gerade weder Macht über mich, noch Platz in meinem Kopf zusprechen, fertig!
Entschuldige, wenn meine Erklärung etwas philosophisch abgeschweift ist, aber ich denke, wenn man lernt, seine Probleme bewusst beiseite zu Schieben und ihnen andererseits ihren Platz schafft, hat man einiges an Gelassenheit dazu gewonnen. Vielleicht hilft es dir ja.
"Die Menschen sind Rivalen im Wettkampf, aber geeint und Freunde durch ihr Ideal in der Ausübung ihres Sportes und noch mehr im täglichen Leben." Jigoro Kano
Nun habe ich beschlossen, in nächster Zeit erstmal gar nicht mehr in den Sattel zu steigen, bis es mir emotional wieder etwas besser geht. Vielleicht schaffe ich mal einen gemütlichen, ruhigen Ausritt am langen Zügel, aber effektive Platzarbeit lasse ich lieber erstmal bleiben.
Wenn du momentan zu aufgewühlt bist, ist das vielleicht gar nicht die schlechteste Idee. Wenn du dich nur ärgerst bringt es euch ja auch nicht weiter. Ich wünsche dir ganz viel Kraft und hoffe, dass es dir bald wieder besser geht!
"Die Menschen sind Rivalen im Wettkampf, aber geeint und Freunde durch ihr Ideal in der Ausübung ihres Sportes und noch mehr im täglichen Leben." Jigoro Kano
Fühl dich an der Stelle mal gedrückt, liebe Claudia. Kann das aktuell sehr gut nachvollziehen. Bei mir ist es allerdings genau andersrum. Sobald ich beim Pony bin bin ich irgendwie ruhiger, gelassener, kann mich fallen lassen. Und meine Ponys merken auch wenn es mir nicht gut geht und sind dann besonders aufmerksam, geben sich extra viel Mühe, bleiben auf der Wiese noch ein paar Minuten länger bei mir stehen. Bei den Pferden kann ich abschalten, mich auch mal ausheulen, und das ist super. Und wenn es doch mal Tage gibt an denen ich merke, das kann heute nichts werden, dann geh ich halt mal nur ne Runde joggen und Pony düdelt nebenher. Hinterher sind wir beide mehr (ich) oder weniger (Pony) ausgepowert und ich hab den Kopf frei.
Das ist etwas, das ich sehr empfehlen kann. Mir hilft laufen wahnsinnig um runterzukommen. Mache ich z.B. auch manchmal nachts, wenn ich nicht schlafen kann. Je anstrengender desto besser, denn je anstrengender, desto weniger kann man nachdenken. Hinterher ist man körperlich zwar halb tot - aber im Kopf ist Ruhe. Oder, weniger anstrengend: einfach Zeit mim Pferd verbringen. Nichts tun, nichts wollen, einfach die gemeinsame Zeit genießen. In deinem Pferd hast du einen guten Freund, dem du alles erzählen kannst, der dir zuhört, der dir ne Schulter zum ausheulen bietet, dem du beim Heu/Gras fressen zuhören und -schauen kannst und der dabei so eine immense Ruhe ausstrahlt, dass du dadurch auch runterfahren kannst. Klingt banal, funktioniert aber.
Konkret beim reiten hilft mir Musik hören, um ruhig zu bleiben. Bei sehr anstrengenden Pferden oder beim abreiten am Turnier hab ich ganz gern mal Ohrstöpsel drin und hör ein Lied auf Dauerschleife. "Blau & Pink" von Dat Adam funktioniert bei mir gut, das ist aber natürlich Geschmackssache. Wichtig ist für mich nur, das zu trennen. Das ist kein Lied aus meiner normalen Playlist, das hör ich nur wenn ich runterfahren und mich konzentrieren muss, z.B. auch beim lernen. Irgendwann ist man dann auf dieses Lied schon richtig konditioniert ^^
Ich kann jetzt nur aus meinen Erfahrungen sprechen, aber vielleicht hilft dir ja das ein oder andere
Tschideli und bis bald! Jana, Lögg, Vina und Dís grüßen euch!
Liebe Claudia, wie wir deinen tollen Videos entnehmen können, klappt es wieder gut mit dem Reiten.
Aber ich finde das Thema dennoch interessant. Bisher sind ja schon einige wirklich großartige Anregungen mitgeteilt worden
Mir selbst hat eine neue Trainingsmethode geholfen: das Clickertraining Nun die Frage, was hat das mit dem Reiten zu tun? Bei dieser Methode hangelt man sich an kleinen Erfolgen entlang und erarbeitet das Ziel in kleinen Schritten. Am besten Trainiert man so, dass die Aufgabe tatsächlich erfüllt werden kann und steigert die Anforderungen erst später. Wenn es dann noch nicht klappt, macht man einen Schritt zurück.
Als ich etwas routinierter in der Methode war und das Grundprinzip verinnerlicht hatte, wurde ich viel gelassener und flexibler im Training. Rückschritte waren normal und nichts schlimmes. Außerdem wurde der Fokus auf die positiven Momente verschoben. Ich hatte gelernt, mich über Kleinigkeiten zu freuen und diese Wert zu schätzen. Seither ist Frust im Training (egal mit welchem Tier) kein Thema mehr.
Komplett emotionslos finde ich übrigens fragwürdig - man darf sich ruhig mit seinem Pferd freuen! Gemeinsam die schönen Momente betonen
Was ich immer sehr wichtig finde ist, mich selbst auf dem Pferd daran zu erinnern das mir reiten eigentlich Spaß macht und ich lächeln muss.
Mein Pferd ist mein Seelenheil. Durch mein Burnout bin ich auf ihn angewiesen und er hat mich schon so aus dem ein oder anderen Loch gerettet.
Daher versuche ich immer sobald ich aufgestiegen bin positive Bilder fließen zu lassen. Und generell in Bildern zu reiten. Denn wenn ich unterwegs bin und schon das Horrorszenario im Kopf habe, stehe ich mir so dermaßen im Weg das ich dann auch lieber absteige und von unten (wo meine Sicherheit ist) weitermache.
Es ist ein sehr langer Lernprozess sich positiv zu stimmen egal in welcher Situation. Wichtig ist das du aus deiner Abwärtsspirale herauskommst und in der Zeit etwas für dich tust. Vielleicht gehört das Reiten auch dazu. Vielleicht solltest du es gar nicht pausieren sondern vielleicht das was es für dich ist, ein positives Erlebnis, zulassen.
Ich wünsche Dir viel Kraft das du schnell durch diese Phase hindurch kommst. Du bist stark.
Wenn ich schlechte Laune habe steige ich gar nicht erst auf mein Pferd. Dann putze ich ihn nur oder mach Bodenarbeit oder gehe spazieren. Meist verfliegt meine schlechte Lauen aber sobald ich bei ihm bin. Kommt ganz auf meinen Tag an.
"Pferde brauchen Geduld. Wenn man sich benimmt, als hätte man nur 15 Minuten Zeit, dann braucht man einen Tag. Benimmt man sich aber, als hätte man einen ganzen Tag Zeit, dann braucht man nur 15 Minuten.“ Monty Roberts
Hey Zwar ist der letzte Post hier schon etwas her, doch da es ja ein Thema ist, was jeden mal betrifft, wollte ich auch mal meinen Senf dazu geben. Aber erstmal wollte ich fragen wie es dir mittlerweile geht und ob du einen Weg gefunden hast die schlechte Laune im Griff zu haben?
Ich selber kenne Depressionen, als auch schlechte Laune. Leider habe ich in der Zeit der Depression dem Reiten und Pferden eine Zeit lang ganz den Rücken gekehrt, einfach weil mich Misserfolge zu sehr runter gezogen haben und es mir schwer gemacht haben sich wieder dazu aufzuraffen zum Pferd zu fahren. Da es "nur" ein Pflegepferd war, war es jetzt nicht ganz so tragisch, auch wenn ich im nachhinein denke, dass ich das hätte anders lösen können. Was ich damit sagen möchte ist, dass sich gar nicht mehr in den Sattel zu schwingen nicht der richtige Weg ist, man muss nur den Druck raus nehmen und einfach etwas machen, wo man die Seele baumeln lassen kann.
Ich hatte erst letztens wieder die Situation, wo ich miese Laune hatte, doch hab ich es schon gecheckt, als ich energischer zum Pferd wurde und hab mich besonnen, nicht unfair zu sein. Mir hilft es dann die Augen zu schließen, das Pferd einfach gehen zu lassen und mich auf die Huftritte, das atmen des Pferdes und die Klänge der Natur zu konzentrieren und dabei immer wieder tief einzuatmen oder das gleiche einfach im Stehen.
Als Vorsorge wenn man merkt oh heute bin ich ein Pulverfass, finde ich kann auch das Erden helfen. Wer an Esoterik nicht glaubt, das ist eigentlich einfach eine Art der Meditation in der man bewusst seine ganzen Sorgen und alles was eben diese schlechte Laune verursacht bündelt und abgibt, in dem Fall an die Erde. Dabei kann man aber auch auf einen Stuhl sitzen oder was auch immer, man muss sich nur vorstellen wie man es alles im Kopf sammelt und im Bündel durch den ganzen Körper fließen lässt und es über die Füße oder Hände abgibt.
Was ich auch noch Hilfreich finde sind kleine Übungen von Yoga. Schlechte Laune hat immer eine Ursache, diese verursacht auch immer Stress im Körper, wodurch man auch verspannt. selbst wenn es einem nicht bewusst ist. Ich selber nehme gerne Nacken, Schulter und Rückenübungen, die ungemein entspannen und einen auch ein wenig runter bringen Grade weil man da eben 50 Sekunden einen Muskel dehnt und sich darauf auch konzentrieren muss, ist es auch eine Wohltat für den Kopf.
Ich habe letztens den "Tipp" gehört, dass man sich seine Autotüre wie eine unsichtbare Wand vorstellen soll. Wenn man dort durch "schreitet" soll man sich vorstellen, dass man alles, was man noch so mit sich trägt im Auto bleibt. Kann bestimmt nicht jeder, aber ein Versuch ist es wert einfach mal bewusst zu sagen, jetzt ist nicht grübelzeit, jetzt bin ich am Stall, bei meinem Pferd und das zählt jetzt, nichts anderes.
Vielleicht hilft dir aber auch ein Trick den ich aus der Angstreiterei kenne: Wenn man Panik bekommt (in deinem Fall wäre das dann Wut oder andere negative Gefühle), soll man an einen Moment im Leben denken, an dem man einfach 100% glücklich war. Einfach für 5 Minuten die Augen schließen, sich in diesen Moment zurückversetzen und an nichts anderes denken. Die Glücksgefühle, die man an diesem tag empfunden hat, sollten helfen die negativen Gefühle beiseite zu schieben.
Wenn die negativität vom Training kommt, weil man sich festgefahren hat oder anderes, würde ich, wie du es ja eigentlich schon getan hast, einfach mal vom Training weg gehen. Ob man jetzt gar nicht reiten sollte oder einfach nur nicht mit Trainingsziel ist meiner Meinung nach eher egal, aber wichtig halte ich, dass man wirklich alle Ambitionen zur Seite schieben sollte und einfach nur ein bisschen spaß haben sollte. Ich bin an solchen Tagen meist ohne Sattel geritten oder im leichten sitz einfach mal locker galoppiert ohne auf irgendeine Manier zu achten (wir hatten einen 120x80m Platz, da konnte man das ganz gut machen ^^).
Vielleicht hilft dir ja etwas von diesen Techniken
"Pferde brauchen Geduld. Wenn man sich benimmt, als hätte man nur 15 Minuten Zeit, dann braucht man einen Tag. Benimmt man sich aber, als hätte man einen ganzen Tag Zeit, dann braucht man nur 15 Minuten.“ Monty Roberts